Cybersicherheit im Bereich der Betriebstechnik

Zero Trust in der Industrie: OT-Fernzugriff ohne implizites Vertrauen

Anwendung des Zero-Trust-Modells auf industrielle OT-Netzwerke: Grundsätze, Unterschiede zum herkömmlichen VPN.

Kurz gesagt
Industrielles Zero Trust wendet das Prinzip „niemals vertrauen, immer überprüfen" auf OT-Netzwerke an: Jeder Zugriff (Mensch oder Maschine) wird authentifiziert, autorisiert und protokolliert — selbst aus dem internen Netz. Anders als ein klassisches VPN, das eine „Vertrauenszone" schafft, gewährt Zero Trust minimale, zeitlich begrenzte Rechte für bestimmte Ressourcen, nach kontinuierlicher Überprüfung von Identität und Kontext. Es ist die Antwort auf Insider-Bedrohungen und unkontrollierten Dienstleisterzugriff.

Warum der Netzwerkbereich nicht mehr ausreicht

Das klassische Sicherheitsmodell für OT-Netzwerke basiert auf dem Perimeter-Ansatz: „Was sich hinter der Firewall befindet, ist sicher.“ Dieses Modell wird durch mehrere aktuelle Gegebenheiten widerlegt:

  • Techniker greifen von außen auf die OT-Netzwerke zu (Fernwartung, VPN-Zugang).
  • Dienstleister und Integratoren greifen über gemeinsam genutzte Konten auf die Steuerungen zu.
  • Vernetzte IoT-Geräte schaffen Angriffsvektoren von innen.
  • Interne Bedrohungen (Sabotage, Fahrlässigkeit) werden durch eine externe Perimeterabwehr nicht abgewehrt.

Zero Trust ersetzt das Prinzip „Vertrauen und dann überprüfen“ durch „Niemals vertrauen, immer überprüfen“ – bei jedem Zugriff, jedem Benutzer, jedem Gerät und zu jedem Zeitpunkt.

Die 5 Säulen des Zero-Trust-Ansatzes in der OT

1. Starke Identität Jeder menschliche Benutzer authentifiziert sich mittels MFA (Passwort + TOTP oder Zertifikat). Jedes IoT-Gerät authentifiziert sich mit einem eindeutigen X.509-Zertifikat. Keine gemeinsam genutzten Identitäten, keine generischen Passwörter.

2. Eingeschränkte Zugriffsrechte Ein Wartungstechniker der Linie A hat nur Zugriff auf die Steuerungen der Linie A, nicht jedoch auf das gesamte OT-Netz. Ein externer Dienstleister hat während des festgelegten Zeitraums ausschließlich Zugriff auf die Anlagen, die er warten soll.

3. Kontinuierliche Überprüfung Der Zugriff ist nicht binär (angemeldet/abgemeldet). Der Sicherheitsstatus wird kontinuierlich überprüft: Einem PC, auf dem seit 30 Tagen kein Sicherheitsupdate installiert wurde, werden die Zugriffsrechte eingeschränkt. Eine Sitzung, die seit 15 Minuten inaktiv ist, wird beendet.

4. Mikrosegmentierung Das OT-Netzwerk ist in Zonen unterteilt: Jede Produktionslinie und jedes Teilsystem (Pumpen, Energieversorgung, Belüftung) befindet sich in einer eigenen Zone. Eine Kompromittierung einer Zone breitet sich nicht auf die anderen aus.

5. Umfassende Protokollierung Jede Verbindung, jeder an eine SPS gesendete Befehl und jeder Registerauslesevorgang wird mit folgenden Angaben protokolliert: Wer, von wo, wann, Dauer, Aktionen. Dieses Audit-Protokoll ist manipulationssicher und kann für NIS2-Audits exportiert werden.

Zero Trust vs. herkömmliches VPN: Ein Vergleich

KriteriumKlassisches VPNZero Trust (ZTNA)
ZugriffsgranularitätVollständiger NetzwerkzugriffZugriff auf bestimmte Ressourcen
AuthentifizierungEinmalig bei der VerbindungKontinuierlich (regelmäßige Neubewertung)
Prinzip der geringsten BerechtigungNicht nativJa (über Richtlinien)
Zugang für DienstleisterOft gemeinsames KontoTemporäres individuelles Konto
Transparenz der ZugriffeTeilweise (VPN-Protokolle)Vollständig (alle Aktionen)
ZugriffssperrungVPN-Verbindung unterbrechenSofortige, detaillierte Sperrung
Geeignet für ältere OT-Netzwerke★★★★★★★ (anfängliche Komplexität)

Schrittweise Umsetzung: Die einzelnen Schritte

Ein umfassendes Zero-Trust-Modell ist ein Ziel, das schrittweise angestrebt werden sollte. Hier sind die empfohlenen Schritte für industrielle OT-Netzwerke:

Schritt 1 – Solide Grundlage (3 Monate)

  • Ausgehendes VPN auf allen Gateways.
  • MFA für alle Fernzugriffe.
  • Protokollierung der Sitzungen.
  • Abschaffung direkter Zugriffe (offene Ports).

Schritt 2 – Eingeschränkte Berechtigungen (6 Monate)

  • Zugriffsrechte pro Benutzer und Gerät.
  • Befristete Zugriffsrechte für Dienstleister.
  • Sofortiger Entzug.

Schritt 3 – Mikrosegmentierung (12 Monate)

  • VLANs nach OT-Zone.
  • Regeln für die Firewall zwischen den Zonen.
  • Verhaltensbasierte Überwachung.

Der Eziwan-Ansatz

Das Eziwan Gateway und die Eziwan Cloud implementieren die Schritte 1 und 2 nativ: ausgehendes VPN, MFA, vollständige Protokollierung der Sitzungen, benutzerspezifische Berechtigungen, temporäre Zugriffe für Dienstleister. Die Mikrosegmentierung (Schritt 3) wird über die am Gateway konfigurierbaren VLANs unterstützt.

Weitere Informationen: Sicheres industrielles VPN, Fernzugriff auf industrielle Steuerungen und IoT-Cybersicherheit.

Häufig gestellte Fragen

Das könnte Sie auch interessieren